Beim Schneiden von Geflügel


Wir bekommen Besuch. Ein Grund dafür, mal wieder Fleisch einzukaufen. Man pflegt zu sagen, dass etwas „Ordentliches“ auf den Tisch muss, wenn sich Gäste anbahnen. Worin diese bauernschlaue „Ordentlichkeit“ im Zeitalter der Massentierhaltung und des definitiv übermässigen Fleischkonsums eigentlich noch besteht, mag man sich durchaus fragen dürfen. Um allerdings nicht immer als Miesepeter, Partyschreck oder gar Veganer dazustehen, willigt man ein, denn ein Besuch ist eine besondere Begebenheit. Es würde natürlich gar nicht anstehen, Gäste mit der eigenen restriktiven Ethik, die ja oftmals doch nur als Selbstgerechtigkeit und Besserwisserei missverstanden wird, vor den Kopf zu schlagen. Es wird also Fleisch gekauft, Geflügel. Um das ethische Zerwürfnis in seiner Heftigkeit abzudämpfen: naturafarm.

So sitze ich nun da und betrachte gedankenverloren die Sehnen, die sich umstrukturiert durch das rot-glasige Gewebe der Pouletbrust ziehen. Zerknirscht und widerwillig, jedoch mit dem Willen zur Tapferkeit, erhebe ich das stumpfe Messer zum ersten Schnitt. Um diese lächerliche Dramatik zu reduzieren, denke ich bereits an das saftige, von allerlei Gewürzen in geschmackliche Höchstform gebrachte Endprodukt meines verzweifelten Geköchs. Und es scheint zu gelingen: Nach und nach gelange ich zu einer pragmatischen Entschlossenheit, die meine Hand ins exzessive Schnetzeln treibt. Sehnen und Gewebestücken schlingen sich um meine Finger und eine leicht klebrige Schicht umgibt die vor Anstrengung erröteten Handflächen. „Schatz, geht’s?“ ruft meine Frau aus dem Wohnzimmer. Als ich einen Moment innehalte, meldet sich das nun gebeutelte Gewissen entsetzt: „Wie ein Tier!“… „Schweig Ethos!“ raunt der nun befriedigte innere Pragmatismus.

Innerlich stöhnend greife ich zur zweiten Brust und beginne diese zu zerkleinern, als sich schon der nächste Kampf anbahnt. Die Sehnen, darf man sie rauschneiden und damit in Kauf nehmen, dass man auch ein wenig Fleisch mitausschneidet? „Selbstverständlich“, rede ich mir ein und ziehe mit dem Argument der Wichtigkeit tadelloser Gasfreundschaft ins Feld. So eine Sehne kann den ganzen kulinarischen Genuss erheblich einschränken, wenn nicht gar radikal vernichten – je nach Härte und Dehnbarkeit. Da liegt es also, dieses kleine Häufchen aus Sehnen und Fleischresten, verdammt dazu, Abfall zu sein und der endgültigen Vertilgung anheim zu fallen, ohne die Möglichkeit, einem noch lebenden Organismus, Energie zuzuführen. Sinnloses Schicksal. Das geschundene Tier scheint mir zuzurufen: „Was verschwendest du mich, Frevler, Krone der Schöpfung?“

Um mir den Abend nicht vollends zu verderben, schütte ich das zubereitete Fleisch in die Bratpfanne und dränge das mich anklagende Häuflein in die Verbannung des grünen Kompostbehälters. „Man darf Fleisch essen!“ spreche ich mir zu während sich die feine Oberfläche der Bruststückchen in ein angenehmes Weiss verwandelt. Und nun endlich: Das Gewürz, welches die mühselige Schlachterei vergessen lässt und die Gaumenfreude zum Triumphzug anleitet. Zelebriere ich nun die Schönheit des Todes? Anscheinend.
Da fallen mir plötzlich wichtige Worte ein:
von Anfang an aber ist’s nicht so gewesen.“ Matthäus 19,8b

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