• Vom Abenteuer der Beobachtung menschlichen Verhaltens (UB Basel, Cafeteria)


    Eine meiner liebsten Beschäftigungen ist es, bei einer Tasse Kaffee, das Verhalten von Menschen zu analysieren. Die Spannung erhöht sich, wenn es Menschen sind, die einen elitären hybris-ähnlichen Duft versprühen. Wenn dann noch Narziss hinzutritt, läuft der psychodynamische Spannungsbogen dem Höhepunkt entgegen.

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  • Mein Sohn und die Baumnuss


    Während ich mit stumpfem Blick in den Bildschirm starre, klopft es an meiner nicht ganz geschlossenen Bürotür und mein Sohn kommt triumphierend hineingetorkelt. In seiner Hand: Eine Baumnuss. Behutsam und Staunend fährt er mit seinen kleinen Fingern über die raue, noch mit kleinen Erdkrümmchen besetzte Oberfläche. Fasziniert beobachtet er, wie die Erdklümpchen sich durch sein Betasten von der Schale lösen und sich anschliessend auf dem Laminatboden verteilen.
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  • Unternehmen Mitte: Ein Szenenbild


    Es ist Dienstagmorgen und ich sitze im Unternehmen Mitte in Basel. Vor mir auf dem Tisch eine Tasse Kaffee, ein etwas zu klein geratenes Gläschen Wasser mit einem kleinen silbernen Tablar darunter. Der Röstgrad der Kaffeebohnen: Nahe an der Perfektion. Ich setze mich wie gewohnt in die Säulenhalle. Während ich mich frage, was das Mitte-Klientel mir wohl heute wieder zu bieten hat an Lebensfarbe und kultureller Diversität, lasse ich meinen Blick neugierig umherschweifen.

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  • Beim Schneiden von Geflügel


    Wir bekommen Besuch. Ein Grund dafür, mal wieder Fleisch einzukaufen. Man pflegt zu sagen, dass etwas „Ordentliches“ auf den Tisch muss, wenn sich Gäste anbahnen. Worin diese bauernschlaue „Ordentlichkeit“ im Zeitalter der Massentierhaltung und des definitiv übermässigen Fleischkonsums eigentlich noch besteht, mag man sich durchaus fragen dürfen. Um allerdings nicht immer als Miesepeter, Partyschreck oder gar Veganer dazustehen, willigt man ein, denn ein Besuch ist eine besondere Begebenheit. Es würde natürlich gar nicht anstehen, Gäste mit der eigenen restriktiven Ethik, die ja oftmals doch nur als Selbstgerechtigkeit und Besserwisserei missverstanden wird, vor den Kopf zu schlagen. Es wird also Fleisch gekauft, Geflügel. Um das ethische Zerwürfnis in seiner Heftigkeit abzudämpfen: naturafarm.

    So sitze ich nun da und betrachte gedankenverloren die Sehnen, die sich umstrukturiert durch das rot-glasige Gewebe der Pouletbrust ziehen. Zerknirscht und widerwillig, jedoch mit dem Willen zur Tapferkeit, erhebe ich das stumpfe Messer zum ersten Schnitt. Um diese lächerliche Dramatik zu reduzieren, denke ich bereits an das saftige, von allerlei Gewürzen in geschmackliche Höchstform gebrachte Endprodukt meines verzweifelten Geköchs. Und es scheint zu gelingen: Nach und nach gelange ich zu einer pragmatischen Entschlossenheit, die meine Hand ins exzessive Schnetzeln treibt. Sehnen und Gewebestücken schlingen sich um meine Finger und eine leicht klebrige Schicht umgibt die vor Anstrengung erröteten Handflächen. „Schatz, geht’s?“ ruft meine Frau aus dem Wohnzimmer. Als ich einen Moment innehalte, meldet sich das nun gebeutelte Gewissen entsetzt: „Wie ein Tier!“… „Schweig Ethos!“ raunt der nun befriedigte innere Pragmatismus.

    Innerlich stöhnend greife ich zur zweiten Brust und beginne diese zu zerkleinern, als sich schon der nächste Kampf anbahnt. Die Sehnen, darf man sie rauschneiden und damit in Kauf nehmen, dass man auch ein wenig Fleisch mitausschneidet? „Selbstverständlich“, rede ich mir ein und ziehe mit dem Argument der Wichtigkeit tadelloser Gasfreundschaft ins Feld. So eine Sehne kann den ganzen kulinarischen Genuss erheblich einschränken, wenn nicht gar radikal vernichten – je nach Härte und Dehnbarkeit. Da liegt es also, dieses kleine Häufchen aus Sehnen und Fleischresten, verdammt dazu, Abfall zu sein und der endgültigen Vertilgung anheim zu fallen, ohne die Möglichkeit, einem noch lebenden Organismus, Energie zuzuführen. Sinnloses Schicksal. Das geschundene Tier scheint mir zuzurufen: „Was verschwendest du mich, Frevler, Krone der Schöpfung?“

    Um mir den Abend nicht vollends zu verderben, schütte ich das zubereitete Fleisch in die Bratpfanne und dränge das mich anklagende Häuflein in die Verbannung des grünen Kompostbehälters. „Man darf Fleisch essen!“ spreche ich mir zu während sich die feine Oberfläche der Bruststückchen in ein angenehmes Weiss verwandelt. Und nun endlich: Das Gewürz, welches die mühselige Schlachterei vergessen lässt und die Gaumenfreude zum Triumphzug anleitet. Zelebriere ich nun die Schönheit des Todes? Anscheinend.
    Da fallen mir plötzlich wichtige Worte ein:
    von Anfang an aber ist’s nicht so gewesen.“ Matthäus 19,8b

  • Jesus, mein Ego und das Reich Gottes


    An der Tür zu unserem Schlafzimmer klebt eine Etikette mit der Aufschrift “Liebe überwindet alle Schwierigkeiten”. Dieser schlichte Satz ist ein permanenter, heilsamer Störfaktor in meinem Alltag. Er zwingt mich dazu, nachzudenken über meine Fähigkeit zu lieben. Er spiegelt mir meinen verborgenen Narzissmus, und beleuchtet den Egoismus, der sich in den verschütteten Grüften meiner Seele wacker am Leben erhält. Seine Herrschaft muss gebrochen werden, Tag für Tag. (mehr …)