• Den Bann der Uneigentlichkeit brechen – Eine intellektuelle Meditation über Apostelgeschichte 16


    Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.  Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.

    Diese beiden Menschen sind an jenem Platze angelangt, der für den guten Weltbürger die Erfüllung seiner grössten Ängste darstellt. Der Leib ist geschunden, die Freiheit in ferne Auen entglitten, die Füsse der Eigenständigkeit zur Erstarrung festgebunden. Wie oft nun stimmt auch die Seele in die Klage der brennenden Wunden und dem Gezeter des verdunkelten Augenlichtes unserer beiden Gefangenen mit ein. Die Bedrückung der äusseren Umstände überwältigt die Seele, wirft sie zurück auf sich selbst, entzieht ihr den Glanz guter Tage, raubt ihrer Erinnerung die Güte alter Zeiten, wird gewahr dem Elend und den Schatten der Bedrängnis, taucht die Gedanken an die Liebenden in bitterste Melancholie.

    Was nun aber geschieht hier, wo der Mensch allen äusserlichen Annehmlichkeiten ganz ledig geworden ist? Welche Sonne erstrahlt in jenem vermeintlichen Todestal des Schreckens? Hier wird der Zauber der Uneigentlichkeit gebrochen, hier wo alles Menschliche bedrängt, verwiesen und gefährdet ist, wird der Blick weit für die Quelle jenseits aller Bedingungen und Möglichkeiten. Es ist der wahrhaft freie Mensch, der geschunden und gebunden in der Dunkelheit liegt und dabei das Lob anstimmt. Er ist der Herr über die betörende Macht der Uneigentlichkeit, welche die Massen gefangen hält in betriebsamer, falscher Glückseligkeit, im Jahrmarktstrudel irdischer Götzen.

    Es ist die Hingabe, die keine Weite scheut, die sich allen kleinen Herrschaften entledigt, die das Leben niederlegt, auf dass sie es gewinnt. Diese Geisteshaltung führt unsere Gefangenen mit zwingender Notwendigkeit in die kalte Grabesruhe des innersten Gefängnisses. Hier nun, an diesem Punkt, der für jeden Lebenden eigentlich das Ende ist, beginnt der neue Anfang des geistgetriebenen Menschen. Dort, wo der Weltbürger nur Heulen und Zähneklappern, Schande, Scham, Verdrängung und Angst erwartet, beginnt die Stunde des Geistespropheten.

    Das Lob erklingt in der Sackgasse aller Menschlichkeit. Aus der Seelentiefe dröhnt das Frohlocken des befreiten Geistes, der die Schlacken des Weltgötzen mächtig abstreift und sich erhebt zur Quelle seiner wahren Abhängigkeit, die ihn dem Schlund der finsteren Uneigentlichkeit entziehen wird. Dort, wo der Weltmensch nur das hämische Grinsen der absurden Nichtigkeit ortet, beginnt die Vollmacht des geistreichen Menschen. Aus der Ewigkeit entspringt ein Lied und fliesst durch den Mund des ledigen Propheten in die Sendung seines Daseins, in die Zellen seiner Mitgefangenen, die ihr Dasein fristen in blindem Drangsal.

    «Und die Gefangenen hörten sie», heisst es. Wer dieses Lied anstimmt, bringt zu Fall Mächte und Gewalten. Die strömende Macht dieses Klangs durchdringt die äussersten Bastionen. Selbstgefällige Mauern werden brüchig, gebeugte Häupter strecken sich dem Licht entgegen, Götzen heulen jaulend auf. Wer sich im Gesang solcher Freiheit äussert, der wird gekrönt mit dem Kuss himmlischer Regionen. In dieser Blösse erhebt sich die Rechte des Weltenlenkers.

    Das Erbeben erschüttert die Gemäuer falscher Heimat, Gitterstangen der Uneigentlichkeit zerbersten durch die Vereinigung von Himmel und Erde. Auch die Meister der Fesseln, die Knechte der Nichtigkeit, die Domherren der Uneigentlichkeit werden dem Brausen der mächtigen Stimme gewahr und erschüttert wird, was sie waren und sind, erstmals erstrahlt, was sie sein werden.

  • Hiob – Der leidende Gerechte


    Zwei theologische Schwerpunkte des Buches Hiob zur Disposition gestellt:

    Das Aufbrechen des Kausalschemas von Leid und Schuld
    Das ganze Buch Hiob stellt ein Gegenkonzept wider das Prinzips des Tun-Ergehen-Zusammenhangs dar. Es muss jedoch beachtet werden, dass die alttestamentliche Weisheit selbst, insbesondere in den Sprüchen Salomos, die Angemessenheit eines Zusammenhangs zwischen falschem Verhalten und Krankheit oder Leid durchaus bejaht (vgl. z.B Sprüche 10, 3).

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  • Die Herausforderungen des Evangelikalismus – Ein Statement aus der Hüfte geschossen


    Der Evangelikalismus unserer Tage ist herausgefordert. Zum einen durch progressive Exponate, die sich in manchmal peinlich anmutender Manier plötzlich über die Weite der theologischen Welt im Klaren werden und sich somit ihrer ganz persönlichen, sehnsüchtig erwarteten geistlichen Emanzipation hingeben (dabei stets ein beachtliches Mitteilungsbedürfnis an den Tag legen), die Zäune einreissen, von denen sie nicht wissen, weshalb sie aufgerichtet worden sind, die oftmals nicht begreifen wie tiefgreifend sie ihre eigene Biographie zum Kanon des christlichen Credos hochstilisieren.
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  • Der Ruf der Idylle – Herr, wohin sollten wir gehen?


    Je konsequenter sich unsere Welt dem Diesseits zuwendet, je mehr sie der Materie endgültige Wirklichkeit zuspricht, desto stärker erklingt der Ruf der Idylle. Dieser Ruf ist allgegenwärtig und unausrottbar. Selbst die frühkindliche Konditionierung der menschlichen Spezies durch einen totalitären Weltstaat könnte diesen Ruf nicht ausschalten. Verdrängt werden kann er nur dann, wenn das Diesseits mit Rauschzuständen umnebelt wird und der Mensch in synthetischer Verklärung seine Existenz zu transzendieren versucht. Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen, da der Preis dieser ständigen Verklärung (noch) zu hoch ist und die Rohheit unseres unzulänglichen Daseins sich daraufhin umso kräftiger und schmerzhafter Geltung verschafft. (mehr …)

  • 18 Mädchen sterben bei Brand in christlicher Schule – Ungeschminkte Gedanken über das intellektuelle Scheitern des Theodizee-Problems


    „18 Mädchen sterben bei Brand in christlicher Schule“

    Bei solchen Schlagzeilen – man ersetze diese mit anderen beliebigen Schreckensnachrichten –  taucht sie mit beharrlicher Hartnäckigkeit auf, die Theodizee-Frage (Gott und Leid). Ist diese Frage eine theologische Anmassung, wie Karl Barth sie nennt? Ist sie der Fels des Atheismus? Vor jedem theoretischen Versuch der Klärung des Problems, welcher ohnehin im akuten Moment des Kummers nur scheitern kann, ist da zunächst einmal die existentielle Erschütterung, der Strudel starren Elends, in den man als Betroffener hineingerät. Ich stelle mir vor, dass meine beiden Söhne und meine Tochter, die ich verzweifelt liebe, friedlich schlafend vom Feuer überrascht werden und in den Flammen nach Hilfe schreiend zu Grunde gehen. (mehr …)