Der Meister aus Petersburg – Aufzeichnungen aus dem Kellerloch


Es gibt bekanntermassen viele grossartige, russische Schriftsteller. Diese Literaturtitanen miteinander vergleichen zu wollen, ist ein schwieriges Unterfangen. Trotzdem scheint mir einer den Rest zu überstrahlen (selbst Tolstoi und erst recht jüngere Autoren wie Bulgakov).

Es ist Fjodor Dostojewskij, der Meister aus Petersburg (1821 – 1881). Als Dostojewski 16 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter, zwei Jahre später überraschenderweise auch sein Vater. Als er vom Tod seines Vaters erfährt, erleidet der junge Dostojewskij in Petersburg einen epileptischen Anfall. Diese Krankheit begleitet ihn sein ganzes Leben. Dostojewskij beginnt zu schreiben, massgebliche Literaturkritiker sind begeistert, so dass er zum Tagesheld avanciert.

1843 wird Dostojewskij verhaftet wegen seiner Teilnahme an den Zusammenkünften eines revolutionären, frühsozialistischen Kreises, welcher das russische Kaisertum in Frage stellte. Er wird zum Tode verurteilt, wird aber vom Zar begnadigt und stattdessen zu vier Jahren Zuchthaus und Militärdienst in Sibirien verurteilt. Aufgrund der Strapazen der Zwangsarbeit mehren sich seine epileptischen Anfälle, so dass er häufig Zeit im Gefängnishospital verbringt. Dort erhält er die Erlaubnis vom Arzt, ein Sibirisches Heft mit Notizen anzulegen. Diese Niederschriften sind die Grundlage für die 1860 erschienenen «Aufzeichnungen aus einem Totenhaus». Dieses Werk führt zu sofortigem Erfolg bei Publikum und Kritikern. 1864 erscheint die Erzählung «Aufzeichnungen aus dem Kellerloch» und in den kommenden Jahren seine fünf grossen, bahnbrechenden Romane, die von Swetlana Geier in bravuröser Manier neu ins Deutsche übersetzt worden sind. Der Titel des letzten grossen Romans lautet «Die Brüder Karamasow», eine unfassbar geniale literarische Eskalation.

Nun, was macht Dostojewskij so besonders?

Dostojewskij vermag es, die Tiefen und die Abgründigkeiten der menschlichen Psyche auszuloten wie kein Zweiter. Selbst der nihilistische Philosoph Nietzsche zollt ihm hier Respekt und bezeichnet die «Aufzeichnungen aus dem Kellerloch» als «wahren Geniestreich der Psychologie» Ich habe diese Erzählung nun in den letzten Tagen wieder gelesen und muss gestehen, dass ich Vergleichbares in dieser Sparte noch nicht gefunden habe.

Worum geht’s?
Eine gescheiterte Existenz, ein Mann in seinen 40ern fristet sein klägliches Dasein in einem «Kellerloch», seiner kleinen und schäbigen Wohnung in Petersburg. Gegenstand seines Lebens, seines Strebens und seines Denkens ist er selbst und immer nur er selbst, die Regungen seiner Seele. Er ist angewidert und gleichzeitig berauscht vom Elend seiner rastlosen, zwanghaften Introspektion.

Dostojewskij stellt uns einen Mann vor, der vollends absorbiert ist von sich selbst und deshalb jeden Bezug zu Geselligkeit und Berufsmöglichkeit verloren hat. Das subtilste daran ist, dass er dies alles weiss, er die Jämmerlichkeit seines Daseins durchschaut, sich darüber schämt und sich dabei gleichzeitig in letzt möglicher Autonomie und Vergottung seines Subjekts darüber freut. Es ist eine freiwillige Verrücktheit des Widerstands gegen die Gesellschaft, gegen sich selbst, gegen das Sein und gegen das Nichtsein.

Der Kellerlochmensch verfügt über eine neurotische Intelligenz, die zu umfassend ist, um sich den normalen gesellschaftlichen Konventionen hinzugeben und leben zu können. So ist diese Intelligenz, verbunden mit seiner Selbstabsorption und seinem kläffenden Stolz, sein Schicksal, seine Bürde und sein Elend.

In dieser genialen Darstellung des in sich selbst verlorenen Neurotikers, dringt auch Dostojewskijs Grundanliegen durch: Die Absurdität von gesellschaftlichen Normativen ohne transzendenten Bezugsrahmen aufzuzeigen. Der Ausspruch: «Wenn Gott nicht existiert, gibt es keine Tugend» stammt von ihm und zeigt die Ernsthaftigkeit und die letztlichen Konsequenzen des von Gott als rechenschaftsfordernde Norm losgelösten Daseins. Im Übrigen hat auch der französische Existentialist Sartre diesem Zitat zugestimmt. Die neuen Atheisten werden nicht zustimmen, weil sie die ganze Tragweite der Aussage nicht erfassen und ihre Intelligenz einem Vulgärmaterialismus unterworfen haben.

Zuletzt mag man sich fragen, was dies alles zu tun hat mit Theologie. Nun, sehr viel. Der Kellerlochbewohner ist in gewissem Sinne, der Antitypus von Jesus Christus, der eben Zeit seines Lebens nie absorbiert war von sich selbst, keinem zwanghaften Narzissmus unterworfen war obwohl er vollendete Intelligenz aufweisen konnte. Sein Trachten, Denken und Leiden galt immer den anderen, der Welt, den Menschen, dir und mir. Darum ist Christus anbetungswürdig, zu ehren und zu preisen. Er war und ist, vollendete Extrospektion. Darum hat der gleiche Dostojewskij ausgesprochen: «Es gibt in dieser Welt nur eine einzig wirklich schöne Gestalt, Christus.»

 

 

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