Der Mythos ist die Wirklichkeit


Ist nicht alles Sichtbare nicht mehr als ein Schatten wahrer Wirklichkeit? Unsere Seele verlangt nach Bleibendem, hier ist nur Vergängliches. Sie verlangt nach Wahrheit, hier ist Schein. Sie verlangt nach Leben, hier ist umfassendes Sterben. Sie verlangt nach Jugend, hier ist Altern. Sie verlangt nach Entfaltung, hier ist kurze Blüte. Sie verlangt nach Gelingen, hier ist Unzulänglichkeit. Sie verlangt nach Geborgenheit, hier ist Verlust. Nimmt man nun die Wirklichkeit aus der Perspektive geistleerer Rationalität einfach so zur Kenntnis, überhört man das Rufen des menschlichen Geistes. Es entsteht eine Apathie des Geistes und somit eine Abwesenheit aller tiefen und auch tragischen Leidenschaften. Übrig bleiben oberflächliche Leidenschaften mit denen man sich durchaus ein Leben lang beschäftigen kann, deren Befriedigung aber nicht hineinwirkt in die tiefsten Schichten unseres menschlichen Verlangens. So wandeln wir über die Erde als Getriebene, Unerfüllte und Suchende. Als Hungernde, die versuchen ihren Hunger zu ignorieren, als Dürstende, die sich nicht auf den Weg zur Quelle machen wollen. Gefangen in der scheinbaren Wirklichkeit.

Ich weise es von mir, die Wirklichkeit in dieser zerbrochenen Form als genügsam hinzunehmen. Die Wirklichkeit ist nicht genügsam und deshalb ist sie auch nicht wahrhaft wirklich. Sie ist gebrochen wirklich. Sie ist auch in den vorzüglichsten Kreisen gebrochen. Sie ist auch in den wirtschaftlich privilegiertesten Umgebungen gebrochen. Sie ist gebrochen am Familientisch der Frommen und sie ist gebrochen auf der Gasse der Einsamen. Alle wollen sie in den Mythos flüchten und die Trockenheit der sichtbaren Wirklichkeit bewässern und verklären. Der Drogensüchtige durch seinen Rausch, der Reiche durch das Schaffen einer endlichen Wohlfühloase (der Konstante sichert seine Seele ab durch die Aufrechterhaltung seiner Lebensstrukturen. Hier spricht man im Volksmund von der Macht der Gewohnheit).

Der Kompass der menschlichen Seele zeigt hin auf eine andere Wirklichkeit. Auf eine Wirklichkeit, die wir Rationalen als Mythos bezeichnen. Der Mythos definiere ich hier als das Ganze, Vollkommene, Herrliche, welches in unserer Sphäre nur in gebrochener Form aufscheint und unserer Seele dahingehend verlangend macht, dass sie nach der Quelle des Scheins sucht. Es ist eine Wirklichkeit, in welcher das Licht der Liebe in keinen Augen erlischt. Eine Wirklichkeit, die rauschhaft ist ohne destruktive Auswirkungen. Eine Wirklichkeit, in der wir einander nicht verlieren in der Einsamkeit des Todes. Eine Wirklichkeit, in welcher Schein und Sein nicht mehr gespalten sind. Eine Wirklichkeit, in welcher der Randständige zum tapferen Prinzen, die Ausgenutzte zur würdevollen Dame wird.

Es ist die Wirklichkeit des Personseins ohne die Verzerrungen, welche die Dunkelheit der alten Zeit auf unseren äusseren und inneren Menschen getrieben hat.
Eine Wirklichkeit ohne Runzel, ohne Zerfall, ohne Langeweile, ohne Verlust, ohne Versagen, ohne Abschied. Ein Triumphzug des Lebens ohne Aufzehrung oder Konsumation anderen Lebens. Hier werden Schwerter zu Pflugscharen. Es ist der Mythos, die verborgene, unfassbare, unglaubliche Welt, welche diese Weltzeit überziehen wird wie ein neues Kleid. Es ist der Mythos, der in den guten Stunden unseres Lebens an uns herantritt, uns erfreut und uns sogleich wieder entgleitet.

Wenn wir Rationalen also unserer Wirklichkeit entmythologisieren, dann entwirklichen wir in Wahrheit die Wirklichkeit, denn der Mythos ist die Wirklichkeit, welche uns verborgen hinter allem Schein ruft und Hoffnung erweckt in den Tiefen unseres Selbst. Im Moment, in welchem der Mythos in unsere sichtbare Welt hineintritt, hört er auf, reiner, ferner Mythos zu sein. Er transformiert dann zur wahren Wirklichkeit, verklärt das Scheinbare. Das Wesen tritt dann zur vorher entfremdeten Gestalt und der Geist der Wirklichkeit zu ihrer sterbenden Hülse, die sogleich genesen muss.
In Christus erscheint der Mythos als Person und bleibt nicht länger Mythos, sondern wird zur reinsten Form der wirklichen Person, zur absolut reinen Wirklichkeit, die nicht mehr scheinbar ist. Sein göttlicher Geist, verklärt sein Menschsein, dominiert über die Gesetze der scheinbaren Wirklichkeit und bringt alle ihn umringende Scheinbarkeit zur Genesung, zieht diese hin zu sich, verklärt diese in Richtung des Mythos, der hinter dem Vorhang dieses Lebens lauert. Er verklärt die Seinen in das Reich, das nicht von dieser Welt ist und dessen König er ist.

1 Kommentar


  • Anonymous // // Antworten

    Lieber Silas Hammer Blog und Hammer Artikel du hast einen neuen Stammleser gewonnen
    Herzlichst vom Pascal

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