Der Ruf der Idylle – Herr, wohin sollten wir gehen?


Je konsequenter sich unsere Welt dem Diesseits zuwendet, je mehr sie der Materie endgültige Wirklichkeit zuspricht, desto stärker erklingt der Ruf der Idylle. Dieser Ruf ist allgegenwärtig und unausrottbar. Selbst die frühkindliche Konditionierung der menschlichen Spezies durch einen totalitären Weltstaat könnte diesen Ruf nicht ausschalten. Verdrängt werden kann er nur dann, wenn das Diesseits mit Rauschzuständen umnebelt wird und der Mensch in synthetischer Verklärung seine Existenz zu transzendieren versucht. Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen, da der Preis dieser ständigen Verklärung (noch) zu hoch ist und die Rohheit unseres unzulänglichen Daseins sich daraufhin umso kräftiger und schmerzhafter Geltung verschafft.

In der Idylle herrscht eine Einheit zwischen Natur und Geist. Sie ist der Archetypus, Ursprung und Vollendung aller goldenen Zeitalter, welche die Kulturen herbeisehnen und den sie wieder zu erreichen trachten. Der Ruf der Idylle erschallt hinein in die Tiefenschichten unseres Geistes, setzt uns in Kenntnis über die Tragödie unseres Zustandes, offenbart unsere Erlösungsbedürftigkeit und beschwört einen Nexus der Verzweiflung, der uns zur Suche nach dem Heilmittel drängt. Wo ist es nur zu finden dieses Kleinod? In der Verneinung? In der Verdrängung? In der künstlichen Verklärung durch grenzenlose Unterhaltung und Adrenalinschübe? Sollte es etwa gar nicht zu finden sein und sind wir besser bedient, diese Abgründe aus unserem Bewusstsein hinauszudrängen?

Der Ruf der Idylle manifestiert sich in unseren Sehnsüchten. Das menschliche Subjekt, die menschliche Psyche wird also zum empfangenden Gefäss transzendenter Lockrufe. Der verklärende Rausch des Wochenendes um die geistliche Trockenheit des Alltags zu kompensieren: Der Ruf der Idylle. Die Montagsmüdigkeit ist dann der Preis für die geborgte Prise «Glückseligkeit». Da ist andererseits das Gefühl des Fernwehs, das in der zerknirschenden Dumpfheit des gewohnten Umfeldes entsteht – was unsere Unfähigkeit zu anhaltender Dankbarkeit bezeugt – dieses Fernweh wandelt sich in der Ferne dann nicht allzu selten sogleich wieder zur Sehnsucht nach der Heimat. Auch hier erklingt der Ruf der Idylle.

Wie man feststellen kann manifestiert sich diese Sehnsucht stets als ein Locken des gegenüberstehenden Poles, der Erfüllung verheisst. Während der Mensch mit offenen Armen und verzückten Blick dann dem vermeintlichen Idyll entgegenrennt, entpuppt sich auch dieser Pol bald ebenfalls als hinfällig, unvollkommen und letztlich unbefriedigend. Von Neuem also erwächst der Drang zur Rückkehr zum andern Pol (zurück zu den Fleischtöpfen Ägyptens). So fristet der Mensch sein Dasein als Getriebener zwischen den vermeintlichen Idyllen. Er sucht, meint zu finden und findet doch nicht, erhascht einen neuen Glanz, meint wieder zu finden und ermattet in den falschen Idyllen, verdurstet während er seine trockene Kehle mit Salzwasser zu fluten versucht.

Unsere Politik und Geistesgeschichte ist voll von falschen Idyllen, sie finden sich an beiden Enden jeder Polarisierung. Nicht nur die Idylle des bürgerlichen Lebens, sondern auch die Idylle jeder alternativen Systemkritik ist ohne Bezug zu einer metaphysischen Absolutheit der Lächerlichkeit preisgegeben. Solche Ideologien reduzieren den Menschen stets auf etwas, woraufhin er sich nicht reduzieren lässt, beispielsweise auf einen guten Bürger, der einfach Wohlstand braucht oder auf einen kleinen Gott, der Rast findet sobald jede Emanzipation ihn befreit hat aus der Gefangenschaft konservativer Prinzipien. Wie auch immer man es dreht und wendet, der Ruf der Idylle bleibt.

Die Weisheit der Kinder besteht darin, dass sie dies begriffen haben. Sie sind empfänglich für den Ruf der Idylle. Sie sind noch nicht der Entfremdung anheimgefallen. Sie drängen ihr eigenes Leben in unterschiedlichste Rollen und leben ihren Alltag im Spiel. Das Spiel ist eine anthropologische Kulturkonstante und sie ist ein Zeugnis für den Ruf der Idylle. Dass bei uns vieles so ist, wie es eigentlich nicht sein sollte, das wissen Kinder intuitiv und deshalb spielen sie, deshalb sind sie Helden und Königinnen. Nichts entrückt ihren Blick so stark wie die Interaktion in einem Rollenspiel. Will ich meinen Sohn begeistern – einen temporären Idyllenzustand generieren –  dann muss ich nur sogleich eine kuriose Rolle spielen. Die Idylle schafft die Einheit von Person und Rolle, eine Erlösung aus unseren fragmentierten Persönlichkeitszuständen, welche gezüchtet werden durch rastlose Leistungsgesellschaften.

Der Ruf der Idylle ergeht an uns, es werden aber zwei Tatsachen deutlich: Die Idylle ist nicht hier und sie quillt nicht in uns. Sie ist in dieser Welt nicht zu finden, sie leuchtet nur auf und verwandelt den Menschen in einen Rasenden, der umhertreibt zwischen polarisierten Pseudoidyllen. Sie ist auch nicht in uns, ihr Ruf erschallt allerdings in uns und macht uns nach ihr verlangend. Wie können wir nun leben? Wie können wir nur greifen, was nicht zur greifen ist und erreichen, was unerreichbar zu sein scheint. Diese Frage ist ohne eine Rückkehr oder Reaktivierung der Metaphysik im Bewusstsein des Menschen und auch der Wissenschaftstheorie nicht zu beantworten. Im unsterblichen Ruf der Idylle gründet der alles überdauernde Erfolg der Religionen, deren Ende schon oftmals prognostiziert wurde.

Die Eigentümlichkeit des christlichen Glaubens gegenüber anderen Religionen besteht darin, dass hier die Rede ist von einem Gott, der Mensch geworden ist. In unserem Wissen der Unerreichbarkeit alles Ewigen und Bleibenden erreicht uns also die Botschaft, dass der Ewige, die Absolutheit selbst, hinabgestiegen ist in unsere zerbrochenen Idylle um sie zu heilen in sie in seiner Auferstehung von den Toten zu gegebener Zeit wieder mit sich emporzureissen.

Der christliche Glaube spricht nun ebenfalls davon, dass dieser menschgewordene Gott sich selbst mit der Idylle identifiziert, diese Idylle also personalisiert. Die Idylle hat also ihren letzten Grund nicht in sich selbst als Ort oder Dimension, sie gründet in ihrem Herrn, in ihrem Schöpfer. Der Ruf der Idylle weist also letztlich nicht auf sich selbst hin als einen schlechhinnigen Ort, sondern auf den Idyllenkönig. Nach ihm lechzt unser Herz, nach ihm dürstet unserer Selle und Ruhe finden wird der, der ihn schaut von Angesicht zu Angesicht. In seiner Gegenwart erblüht die Einöde und die Rohheit verlassener Natur erstrahlt in vollendeter Herrlichkeit. Der Tod muss Sterben und das Leben wird erlöst aus der Knechtschaft der Bosheit und der Endlichkeit. Er ist das Labsal der geknechteten Völker, die stöhnend unter ihren Herrschern und unter ihrem eigenen ziellosen Diskurs zugrunde gehen.

Die christliche Rede von der menschgewordenen Idylle und Absolutheit steigert sich noch zur Behauptung der realen Möglichkeit der Gegenwart einer aufkeimenden Idylle im Rahmen des eigentlich kläglichen unbedeutenden Lebens eines einzelnen Menschen. Die Kirche spricht von Pfingsten und von einem Heiligen Geist. Wir nennen ihn hier der Geist der Idylle. Er ereilt jeden Verzagten, der sein Vertrauen richtet auf den Herrn der Idylle, welcher uns heimgesucht hat zur Befreiung und zur grossen Überfahrt. Deshalb ist der christliche Glaube eine frohe Botschaft. Der Ruf der Idylle bleibt nicht rätselhaft, sondern verweist auf ihren Sender, auf seine geheimnisvolle, aber wirkliche Präsenz in Gegenwart und Geschichte.

In dieser Perspektive wird derjenige gar selbst zu kleinen Idylle, der sich mitreissen und erfüllen lässt vom Geist dieser unendlichen Herrlichkeiten. Es keimt ein Vorgeschmack der Idylle auf im Leben derjenigen, die sich selbst zurückrufen lassen. Diese Behauptung ist eine philosophische Frechheit, beschreibt aber das Wesen der göttlichen Zuwendung, die der christliche Glaube behauptet und der Heilige Geist bezeugt.

Herr, wohin sollten wir gehen? DU hast Worte des ewigen Lebens und wir haben geglaubt und erkannt, daß du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.

(Joh 6,68-69)

2 Kommentare


  • Anonymous // // Antworten

    Thx Mum! 🙂

  • Anonymous // // Antworten

    Ein sehr anspruchsvoller Text. Trotz einer gewissen Schwere, im Gewand der nicht erfüllbaren Sehnsucht nach Leben und Erfüllung- bricht sie plötzlich durch, die Hoffnung, die Auferstehungskraft, ausgehend von dem Einen und Einzigen, der Leben in Fülle verheisst.

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