Der Terror der Angst im Schosse der Oase


Wenn man zu den wenigen Privilegierten dieser Erde gehört, die mit der Familie Ferien am Meer verbringen können, dann lauert da ein grundsätzliches Unbehagen gegenüber der trügerischen Idylle, der ungetrübten Oase. Dankbarkeit und Genuss mischen sich mit Verdacht und geistigem Ringen.

Was verdient wohl die gute Frau, die meine Tücher täglich vom Boden aufliest? Was für ein Leben ist demjenigen vergönnt, der mir den Kaffee serviert? Habe ich das Recht, bedient zu werden?

Heute Morgen brach der Terror der Angst ins Herz der friedlichen Musse. Mein Blick fiel auf meinen 2-Jährigen Sohn, der meine Pillen zur Blutdrucksenkung in den Händen hielt.

Eine unbekannte Anzahl hatte er geschluckt, eine sich schon zersetzende Tablette fand sich auf seiner Zunge. Da sank das berüchtigte Herz in die Hosen und der rohe Terror der Angst schnürte unsere elterlichen Kehlen zu.

Der Pessimist in mir macht darauf aufmerksam, dass mein Sohn sicherlich unzählige Pillen verschlungen hat, der Optimist mahnt zur Ruhe und Besinnung, der Hotelarzt schickt uns ins Krankenhaus nach Pyrgos. Getrieben fahre ich über den von Schlaglöchern übersäten Asphalt während mein Sohn in seinem Sitz neugierig und völlig unwissend aus dem Seitenfenster blickt. Stossgebete und Schweissausbrüche, Ahnungen, mögliche Konsequenzen, Schuldgefühle. Die ganze Existenz wallt, die Emotionen erbeben in einem Meer von möglichen Folgen und bangem Hoffen.

Dort angekommen bricht die völlig überarbeitete Kinderärztin, die ohnehin die einzige Ärztin in diesem Provinzkrankenhaus zu sein scheint, in Hektik aus. Immerhin spricht sie Deutsch und versprüht Sarkasmus am Laufband. Es scheint, als habe der Wahnsinn dieses Ortes sich ihrer bemächtigt. Ansonsten endlos schweigende Korridore mit bettelnden Roma.

Meinem immer noch nicht viel ahnenden Sohn wird folglich der Magen ausgepumpt. Wieder Schuldgefühle, Tränen, wir beide, vor allem er. Hustenanfall, Entfernung des Schlauchs, Wiedereinführung des Schlauchs und Entleerung des Mageninhaltes, Schutz der Magenwand mittels schwarzer Flüssigkeit. Dann Blutentnahme, Vene verfehlt, wiederum gestochen. Katheter platziert an zweiter Hand, Schuldgefühle und Schreie im Exil der Einöde.

Danach mein Sohn auf meinen Armen durchgeschwitzt, mich verzweifelnd umgreifend. Nie mehr möchte ich ihn loslassen. Sanft bette ich ihn in die Gitterwiege, augenblicklich schläft er ein während ich nervös im Zimmer umherschlendere und mich darauf einstelle, die nächsten 24 Stunden hier zu verbringen. Damit ich einige Notwendigkeiten besorgen kann, löst mich meine Frau ab. Ich fahre zurück zum Hotel, um mich herum die schönste Kulisse, mächtige Wellen, die an den Strand brausen, es kümmert mich nicht. Die Schönheit trifft nicht, da die nachfolgende Stumpfheit der dramatischen Stunden sich breitmacht.

Die Musik weht vorbei, die Worte verhallen und die Umgebung wird unwirklich und unwirtlich für die rastlose Seele. Nur etwas zählt: Wie geht es ihm? Ich möchte bald zurück und ausbaden, was ihm meine leichtfertige Nachlässigkeit angetan hat. Der Koffer ist gepackt, Notebook dabei und Roamingpacket aktiviert. Wie dankbar ich nun plötzlich bin für die Unterhaltungen der digitalen Medien. Es ist die einzige Möglichkeit meinen lebensfreudigen Sohn an den Apparaturen und Verkabelungen zu halten.

Welcher Dramatik man sich ausstellt, wenn man Kinder auf die Welt stellt! Und welcher Tiefe und Leidenschaft! Die Liebe zu den eigenen Kindern erfüllt mich mit archaischer Ehrfurcht. Es ist die Bereitschaft alles zu geben, damit sie nur genesen. die Bereitschaft alles hinzunehmen, wenn ihnen nur Wohl und Heil widerfährt.

Nun ist Ruhe eingekehrt, ich kann wieder ruhiger beten und gar schreiben. Katharsis.

Puls ist nun im hohen Bereich, Atem wird schneller, Körpertemperatur steigt, ich rufe die Schwester, sie bringt mir eine Spritze voll mit süssem Inhalt, den ich Joan verabreiche. Meine Nerven wieder blank, an Ruhe ist nicht zu denken. Bangend wartend auf Senkung des Pulses und ruhige Atmung, durch die Fensterritzen dringt das Gebell aufgeregter Hundehorden. Im Dämmerzustand fällt mein Blick immer wieder auf die Pulsanzeige und raubt jede Möglichkeit einer allfälligen Entspannung. Puls unverändert hoch, Fieber. Erst nach einer Stunde erfolgt der Auftritt der Ärztin, die mir versichert, dass die Pulserhöhung nichts mit den Pillen zu tun habe. Es folgt Erleichterung und eine Mütze Schlaf. Träume von bellenden Schläuchen und Hundekathetern.

Morgen. Auf die verödete Landschaft ergiesst sich ein kitschiger Sonnenaufgang. Neuer Tag, neue Kraft, neue Gnade. Die Hunde schweigen, die Seele atmet auf, Joan schläft, Puls normal. Joan erwacht frohen Mutes, erneute Blutentnahme.

Mittag. Blutbild in Ordnung, aber Lunge belastet. Aufforderung zum Röntgen seitens der Ärztin, Widerspruch meinerseits. Abfahrt weg von der Dunkelheit rein ins Licht. Strahlender Sonnenschein, gesundes Kind, wiederhergestellte Musse, sich einstellende Rast. Nun endlich melden sie sich wieder, der Hunger, der Durst und die anderen Bedürftigkeiten. Die Freude des Daseins erklimmt im Kontrast ungeahnte Höhen als hätte der Terror der Angst sich wie ein reinigendes Gewitter auf die unzufriedene Seele ausgewirkt. Verrückt sind wir Menschen und widersprüchlich, verwegen und hilflos. Es bleibt das Bild der Roma, die an den Rändern der heruntergekommenen Strassen ihr trostloses Dasein fristen. Ich konnte zurück in die Oase und sie?

Abend. Dank, selbstgefälliges Schnarchen und Katharsis.

2 Kommentare


  • Anonymous // // Antworten

    Ein anfangs schockierender und bewegender Beitrag, Silas. Und ich bin heilfroh, dass es — nach schier endlos scheinenden Stunden der panischen Angst — doch gut oder „glimpflich“ für Deinen geliebten Sohn und euch ausgegangen ist. Hoffe, dass ihr den restlichen Urlaub halbwegs gelassen verbringen könnt!

    • Silas Deutscher // // Antworten

      Danke für die Anteilnahme!

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