Gedanken zur Krise der Kirche


Es ist nicht nur statistisch betrachtet unübersehbar, dass die Kirche in einer Fundamentalkrise steckt. Wenn man mit dem schmerzhaften «Sterben» der westlichen Grosskirchen, die in einem staatlichen Verhältnis stehen, konfrontiert ist, muss man sich selbstverständlich über die Gründe dieses Zerfalls Gedanken machen.

Man muss sich wehren gegen ein reines Verwalten des Nachlasses und eine schlechthinnige Koordination der Auflösungsphänomene. Es gibt kirchlicherseits verschiedene Reaktionen auf die «überwältigende soziologische Macht der Säkularisierung». Das Problem beginnt meines Erachtens bereits mit der Benennung von Ursachen des kirchlichen Niedergangs. Man spricht von grossen sozialen Veränderungen, Säkularisierung, Individualisierung, Kulturrevolutionen und versucht nun anhand neuer kirchlicher Strukturen und Formen, die Effekte dieses Gesellschaftsprozesses abzuschwächen und die Kirche ganz neu zu gestalten. Nun, damit keine Missverständnisse entstehen, neue kirchliche Formen sind zu begrüssen, eine Neustrukturierung der Kirche ist unbedingt notwendig. Worüber sich allerdings staunen lässt, ist die Blindheit für die eigentliche Ursache des Problems. Das eigentliche Problem der Kirchen liegt in ihrem theologischen Fundament und ist somit ein primär geistliches und nicht strukturelles Problem. Dieses Problematik zeigt vor allem in Hinblick auf die evangelisch-reformierte Kirche, deren Mitglied ich bin, vielerlei Ausprägungen: Grenzenlose Pluralität der Glaubensüberzeugungen, die nicht einmal mehr auf ein Bekenntnis bezogen werden können, Politisierung der kirchlichen Verkündigung, Sozialpädagogisierung kirchlicher Gefässe und somit Verdrängung christlich-spiritueller Fragen.

Das führt nicht selten sogar dahin, um ein Beispiel herauszugreifen, dass eine Einbeziehung christlicher Spiritualität auf einer Kirchenwanderung als befremdend erlebt wird und der christlich sozialisierte Sozialdiakon sich zunächst einmal für seine religiöse Einflussnahme rechtfertigen muss. Auch wenn dies möglicherweise ein Extrembeispiel darstellt,  solche Vorkommnisse tragen skandalöse Züge. Es ist eben auch, und dies hört man bei der Benennung der Problematiken deutlich zu wenig, die geistliche Passivität der Kirche, die in sich selbst hineinverwirrt ist, welche die Menschen aus den Kirchen treibt.

Letztlich besteht die Wurzel des Problems in einer Reduktion der Christologie und somit einer Reduktion des eigentlichen Wesens des Evangeliums. Es geht in der Verkündigung des Evangeliums nicht um ein weiteres politisches Programm. Kirche muss Menschen konfrontieren mit dem Zuspruch und dem Anspruch von Jesus Christus und seines Evangeliums. Kirche muss betende Gemeinschaft sein. Das sind die grundlegenden Eckdaten kirchlicher Erweckungsbewegungen. Kirche ist aufgerufen, das Geheimnis der Heiligkeit des Wortes Gottes zu bewahren und Christus zu verkünden, den Hörer vor Ihn hinzustellen und ihn zur Entscheidung aufzufordern. Das Wesen der Glaubensnachfolge war schon immer Entscheidung, Berufung und auch Skandal und Anstoss, nie pluralistische Indifferenz.  Etablierte Grosskirchen tun gut daran, Erweckungen zu beobachten, von diesen zu lernen und diese zu unterstützen, auch wenn diese von Nischengruppen und charismatischen Einzelpersönlichkeiten ausgehen. Gerade diese Bewegungen brauchen den theologischen Traditionsreichtum der Grosskirchen.

Um die Ursache der theologischen Krise nochmals aufzugreifen: Eine Theologie, die sich in subjektivistischer Selbstverklärung von den altkirchlichen Bekenntnissen entfremdet hat, raubt sich selbst ihr kirchliches und gesellschaftliches Erweckungspotential. Es kann in keinerlei Weise erwartet werden, dass Menschen zurückkehren in den Schoss der Kirche, wenn kirchliche Führungspersonen selbst keinerlei Strukturen des Gebets, der geistlichen Disziplin und der gegenseitigen geistlichen Rechenschaft pflegen. Oder bringen wir es meinetwegen auf den alles entscheidenden Nenner der Christusfrömmigkeit. Wenn man neue Formen von Kirche zu bilden versucht, muss man bedenken, dass es nicht nur die Symptome, sondern auch die Erkrankung zu behandeln gilt. Diese Erkrankung ist theologischer Natur. Zudem muss die Kirche die Kriterien für einen Eintritt ins Pfarramt, in geistlicher Hinsicht, verschärfen.

Hilfe dazu bietet die anglikanische Kirche, welche neuerdings hervorragende Kriterien für den geistlichen Dienst von pastoralen Personen definiert hat:

(https://www.churchofengland.org/media/56413/Summary%20of%20Criteria.pdf).

Möge Gott unsere Kirche, durch die Kraft des Heiligen Geistes erneuern und uns alle erwecken.

Hinterlassen Sie einen Kommentar