Keuschheit #1 – Gedankenfragmente jenseits von hemmungslosem Liberalismus und bigotter Leibfeindlichkeit


Nein, der Verfasser dieser Zeilen ist nicht asexuell (ganz im Gegenteil).

Wer heute eine Wortmeldung zum Thema Keuschheit in den öffentlichen Diskurs werfen möchte, steht unter dem grundsätzlichen Verdacht der bigotten Prüderie, der Feindschaft gegen die Sinnlichkeit oder zumindest des konservativen Reaktionismus. Lassen wir nun einmal all diese Schablonen beiseite und werfen einige gedankliche Streiflichter auf das Thema.

Was ist eigentlich Keuschheit?

Keuschheit beschreibt einen angemessenen Umgang mit der eigenen Körperlichkeit, einen differenzierten Umgang mit der Abgründigkeit der eigenen Triebstrukturen. Einen solchen Umgang, der andere Aspekte meiner Personalität oder derjenigen der andern nicht korrumpiert oder subordiniert.
Keuschheit ist die Tugend, welche über die Macht verfügt, die eigene Libido zu kanalisieren anstatt sich von dieser in einen zerbrochenen Narren verwandeln zu lassen.
Keuschheit erstickt jeden Versuch, andere zum Blitzableiter der eigenen, aufgedunsenen Geilheit zu machen und den Nächsten damit zu objektivieren. Keuschheit ist das Gegenteil von Porno. 

Unsere Medien übertrumpfen sich gegenseitig mit Berichterstattungen über gestandene Persönlichkeiten (in Kirche, Gesellschaft, Institutionen und Familien), die sich in Zombies der Wollust verwandelt haben. Gestolperte und Gefallene, die den Mitmenschen in der akuten Phase des Getriebenseins nur noch in Frisch- und Altfleisch einkategorisieren und Leben zertrümmern im Rausch ihrer Suche nach Befriedigung. Ein Zombie der Wollust kann wohl jeder werden, der sich selbst zum höchsten Geltungsmassstab seines Lebens setzt und welcher Mensch müsste davon nicht erlöst werden?

Da fällt mir ein: In unangenehmer Regelmässigkeit werde ich von den Aidsplakaten unseres Bundesamtes für Gesundheit (man bemerke die Ironie des letzten Wortes vor der Klammer) implizit dazu aufgefordert mit so vielen Menschen und an so vielen Orten wie möglich Sex zu haben. Muss das sein? Bilden diese Bilder wirklich die Realität ab oder beeinflussen diese Bilder nicht eher die Verhaltensstrukturen derer, welche sie betrachten?

Die Bloodhound-Gang singt mir schon seit meinen Teeniejahren zu: «You and me Baby ain’t nothing but mammals, so let’s do it like they do it on discovery channel.” Freilich sang ich diesen Text mit bevor ich ihn verstand. Auf den Pausenplätzen unserer Primarschulen kursieren Pornos, welche die Generation meiner Grossmutter wohl noch drastisch traumatisiert hätte und welche die sexuelle Imagination von Heranwachsenden machtvoll konditionieren.

Es ist (wie immer schon) wieder Zeit für wahre Romantik (nicht den Hollywood-Abklatsch), inspirierende Treue, Monogamie, Reinheit des Herzens, zölibatäre Lebensstile (?), Herrschaft des Geistes über die Getriebenheiten unserer Zeit, Dominanz des Heiligen Geistes über die Götzen unseres Herzens.

Was nun tun in einer medialen Superkultur, die mit machtvollen Bildern überfrachtet ist, Bildern, die hineinströmen in das kollektive Unterbewusstsein unserer Gesellschaft?

Entzug. Reizarmut. Zurück zur aufregenden, ersten Berührung der Sinnlichkeit, weg von ständiger Übersteigerung und sexueller Selbstentfremdung. Zurück in die Zeit, in der nur schon der Gedanke an einen Kuss die Hormonexplosion ausgelöst hat. #detox

Die Zeit ist reif für Neinsager, es ist Zeit für eine Revolution der Keuschheit und Zeit für ein Fest der wahren Sinnlichkeit. 

 

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