Wirklichkeit im Glanz der Wahrheit


Gewidmet Josh. N. zum 30. Geburtstag


Unlängst prägte sich mir ein atmosphärisch dicht geladenes Bild ein. Ich befand mich mit meiner Familie auf einem Bauernhof und blickte aus erhöhter Lage hinab auf eine Szenerie der reinsten Fülle. Vor einer alten Scheune standen zwei an eine alte Kutsche gezäumte Pferde. Neben dem Gefährt unterhielten sich zwei rundlich-rotwangige Männer, deren Gespräch nur von ihren kräftigen Schlucken aus den eilig für sie herbeigebrachten Gerstensäften unterbrochen wurde. Vor ihnen auf dem sonnenüberfluteten Boden lag ein kleiner Hund, der lustvoll vor sich hindöste. Neben dem Wagen war ein alter hölzerner Torbogen zu erblicken über welchem alte Gerätschaften zur Schau aufgehängt waren. Links neben dem Wagen blickte ein Fohlen aus der halb geöffneten Stalltür und ergötzte sich neugierig an der Betriebsamkeit. Nicht weit daneben stand ein Vater, der mit seiner grossen, vom Wetter gegerbten rechten Pranke die feine Hand seines Sohnes zärtlich umschloss.

Der Eindruck dieser Szenerie traf mich wie ein Blitz, so dass ich taumelnd dastand und der Macht meiner Introspektion erlag, die ich bisher an jenem Tag erfolgreich verbannt hatte. Was war hier geschehen?

Für einen Moment erschien mir der Glanz dieses Augenblicks in einer solch plastisches Dichte, dass ich mit meinen Denkkategorien auch nicht annähernd eine Beschreibung erzeugen konnte, die ich als angemessen empfand. Natürlich wäre der Glanz des Augenblicks sogleich gebrochen, hätte man genauer hingeschaut und bemerkt, dass die Unterhaltung der beiden Männer durchzogen war von Ärger, das Fohlen möglicherweise traurig aus dem Fenster blickte, die Holzfassade schimmelte und der Hund möglicherweise nicht aus Muse, sondern aus krankheitsbedingter Erschöpfung darnieder lag.

Welche Wirklichkeit war nun die Wahrheit? Diese Frage verfolgte mich. War die Wahrheit die Welt der blossen Faktizität, oder lag die Wahrheit im aufblitzenden Glanz des Augenblicks?

Jeder Rationalist alter Schule, jeder wackere Schüler des logischen Positivismus hätte auch nur den Ansatz dieser Frage als subjektivistische Träumerei verworfen. Was aber sind die wissenschaftstheoretischen Grundsätze des Rationalisten? Abgesehen davon, dass die wenigsten Wissenschaftler sich überhaupt bewusst sind, durch welche Wissenschaftstheorie sie selbst geprägt sind geschweige denn in philosophischer Gründlichkeit reflektieren können, was Wissenschaft eigentlich ist, ist es philosophisch durchaus denkbar, der durch das subjektive Bewusstsein erkannte/erzeugten Verklärung der Szenerie ontologisch eine höheren Wirklichkeitsgehalt zuzusprechen als dem blossen Äusseren Faktum (was auch immer das überhaupt sein sollte). Insofern ist es nicht unangemessen, dem logischen Positivismus erkenntnistheoretischen Fundamentalismus vorzuwerfen (die vulgäre Variante des Szientismus ist ein Kind desselben).

Die philosophischen Mythentheorien der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit bezeichnen den Mythos nicht selten als die «bessere» Rationalität. In der Hegelschen Dialektik ist dies die Synthese von Mythos und Aufklärungsrationalität, die bereits in den deutschen Romantik angeklungen ist. Es wäre also nicht abwegig, wenn die Religionsphilosophie das «Faktum» mit dem Begriff des «Phänomens» ersetzen würde, welches der Differenziertheit der Wirklichkeit (oder der «Schwebe des Lebendigen») besser entspricht. Mythos kann so verstanden werden als Verklärungsphänomen einer höheren, eigentlichen und alles bedingenden, wahren Wirklichkeit. Es wird deutlich, dass die Ideenlehre Platons auch in unserer Zeit wieder unabdingbare Relevanz gewinnt (welche diese selbstverständlich auch nie wirklich verloren hat).

Da solche «Phänomene» (wie zu Beginn geschildert) der menschlichen Wahrnehmung nicht verfügbar sind, treten an den Rändern ihrer Beschreibungen Unschärfen auf, die durch das Aufeinandertreffen der ontologischen Schichten erklärbar werden. Man beachte in diesem Zusammenhang beispielsweise die unterschiedlichen Versionen der Auferstehungsberichte. In einem weiteren Schritt führt diese Schlussfolgerung natürlich zu der Erkenntnis, dass dem menschlichen Subjekt das Wesen der Dinge in seiner Totalität verborgen bleibt, was die Personalität menschlicher Individuen inkludiert.

Die Frage, die sich nun natürlich aufdrängt, ist diejenige nach den erkenntnistheoretischen Folgen dieser neuen Synthese von Mythos und Rationalität. Eine Frage, die im Rahmen dieser kurzen Ausführungen nicht beantwortet werden kann und darf.

Was sich hier auf diesem Bauernhof allerdings ereignete, war das Aufblitzen der reinen Idee, gereinigt von allen Elementen der Hinfälligkeit, die Szene in ihrer Eigentlichkeit, die Szenerie in ihrer heimatlichen Ruhe, nicht in der zerrütten Fremde, die Szenerie in ihrem wahren Wesen, nicht in ihrem brüchigen Abbild. Die Evangelien nennen ein vergleichbares Phänomen «Verklärung».
Die Wirkung einer Verklärung ist existenzerschütternd und verschiebt die Kategorien von Raum und Zeit. Vergangenheit, Gegenwart und Heil der Zukunft verschwimmt zu einem einzigen Nexus der Geborgenheit. Wir erinnern uns an das Wort des Petrus: «Meister, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen» (Lk 9, 33). In diese Phänomenologie, die den Geist des Menschen gewaltig betört, fällt auch die Macht des Fantastischen und die literarische Gattung der Idylle u.a.

In gleicher Weise wie Christus das Ende des Gesetzes ist, ist der Mythos die Vollendung der Rationalität.

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